KI-Schattenseiten, über die fast niemand spricht
Jack Downey leitet Strategie und Produkt bei einer US-Beratung. Er baut täglich Automatisierungen mit KI. Trotzdem gibt es laut eigener Aussage jeden Abend einen Punkt, an dem er erschöpft ist – auf eine Art, die er vor KI in einem normalen Arbeitstag nicht kannte.
Kein Einzelfall. Die Boston Consulting Group hat das Phänomen gerade in einer Studie mit fast 1.500 US-Angestellten dokumentiert, veröffentlicht in der Harvard Business Review. Sie nennt es „AI Brain Fry".
Der Kopf hält nicht mit
Wer mehrere KI-Tools gleichzeitig überwacht, meldet 14 Prozent mehr mentalen Aufwand, 12 Prozent mehr Erschöpfung und 19 Prozent mehr Informationsüberlastung – verglichen mit Angestellten, die KI kaum beaufsichtigen müssen. Jeder siebte Befragte berichtet von handfester mentaler Erschöpfung, nur vom Jonglieren zwischen mehreren KI-Tools.
Die Symptome, die Angestellte beschreiben, sind körperlich: ein Brummen im Kopf, Kopfschmerzen, spürbare Langsamkeit beim Entscheiden.
Studienautorin Julie Bedard bringt den Grund auf den Punkt: „Die KI kann uns weit vorauslaufen. Wir haben aber noch das gleiche Gehirn wie gestern." KI erweitert, was du leisten kannst – und damit auch, was von dir erwartet wird. Selbst wenn dir das niemand explizit sagt.
Dazu kommt die simple Bildschirmzeit-Rechnung. Bis zu 66 Prozent der Bildschirmnutzer kennen digitale Augenbelastung: trockene Augen, verschwommenes Sehen, Spannungskopfschmerzen. Jede zusätzliche Chat-Session mit ChatGPT oder Copilot zahlt auf dieses Konto ein.
Nutz die KI. Oder verlier den Zugang.
Der zweite Schatten ist kein Zufall. Er ist Strategie.
Shopify-Chef Tobi Lütke hat es 2025 öffentlich gemacht: KI-Nutzung ist ab sofort eine Grunderwartung an jeden Mitarbeiter, ganz selbstverständlich, ohne Nachdenken. KI-Nutzung fließt seitdem direkt in die Leistungsbeurteilung ein. Wer mehr Leute oder Zeit für ein Projekt will, muss vorher erklären, warum KI die Aufgabe nicht übernehmen konnte.
Bei Microsoft Copilot läuft es leiser, aber genauso hart. Nur rund 36 Prozent der Mitarbeiter mit Copilot-Zugang nutzen das Tool aktiv. Der Rest gilt als inaktiv. IT-Abteilungen fahren deshalb inzwischen Quartals-Audits: Wer an weniger als vier von 30 Tagen aktiv war, bekommt eine Woche Frist zur Reaktivierung. Bleibt die Nutzung aus, geht die Lizenz an den Nächsten auf der Warteliste. Firmen holen sich darüber 20 bis 35 Prozent ihrer Lizenzkosten zurück.
Was für die IT-Abteilung Kostenoptimierung ist, ist für dich als Angestellter eine Drohung mit Ansage: Nutz das Tool, oder verlier den Zugang. Die offizielle Begründung heißt Produktivität. Der tatsächliche Effekt heißt Druck.
Was bleibt
Zwei Seiten derselben Medaille. Auf der einen Seite kostet dich KI-Nutzung Energie, die niemand einplant. Auf der anderen Seite kostet dich Nicht-Nutzung den Zugang.
Frei entscheiden, ob und wie du KI einsetzt? Diese Option verschwindet gerade. Leise, aber messbar.